Tausende Unterschriften wurden auf eine Online-Petition gesetzt, Hunderte Briefe wurden geschrieben, noch mehr E-Mails wurden verschickt und das Telefon in der Erzdiözese stand wohl kaum mehr still, seit die Medien am 20. Juli 2021 bekanntgaben, dass im Laufe des Monats August eine Covid-Impfstraße in der Barbara-Kapelle des Wiener Stephansdoms in Betrieb gehen solle. Es waren nicht nur Priester und besorgte Katholiken und es waren auch nicht nur Impfgegner, die ihrem Protest Ausdruck verliehen, nein, es waren u. a. auch geschichtsbewusste Bürger dieses Landes, die der katholischen Kirche zwar fernstehen, die aber um die kulturelle und historische Bedeutung des Domes im Herzen Wiens wissen und in deren Bewusstsein noch der enorme Einsatz der österreichischen Bevölkerung wach ist, den diese in den bitteren Nachkriegsjahren für den durch einen Brand zerstörten Dom leisteten. Auch sie irritierte der Gedanke, dass jetzt in diesem symbolträchtigen Nationalheiligtum unseres Landes eine Impfstraße betrieben wird.
Allein, bei den Verantwortlichen hinterließen diese Aktionen keinen Eindruck: am 12. August 2021 wurde der Betrieb der Impfstraße aufgenommen: Täglich sollen 200 Impfungen verabreicht werden, zum Einsatz kommt der Impfstoff von Johnson & Johnson für alle über 18-Jährige. Geimpft wird auch während der heiligen Messe und auch am Sonntag, an dem Tag, der Gott geweiht ist. Bei der Eröffnung meinte Kardinal Schönborn: „… wir glauben, dass der Stephansdom dafür (für das Impfen, Anm.) ein guter Platz ist.“
Der Dompfarrer Faber, der zuvor die Hoffnung geäußert hatte, durch diese Aktion „eine neue Klientel“ für die Kirche zu gewinnen, meinte: „Der Stephansdom gehört allen Menschen der Stadt Wien. Er soll dem Inneren, Geistlichen dienen und der körperlichen Gesundheit“.
Auf der politischen Ebene schließlich war es Gesundheitsstadtrat Hacker, der sich diesen „unkonventionellen Standort“ für weitere Impfungen gewünscht hatte, weil es sich um einen „stark frequentierten“ Ort handle und „man so das Thema Impfen im Bewusstsein der Bevölkerung wachhalten könne“.
Aus diesen drei Statements erheben sich aber für uns durchaus ernste und schwerwiegende Fragen. Werfen wir zunächst einen Blick zurück: Anfang März d. J. forderte die US-amerikanische Bischofskonferenz die Katholiken Amerikas auf „bei der Wahl eines Corona-Impfstoffs nach Möglichkeit auf das Produkt des Pharmaherstellers Johnson & Johnson zu verzichten.“
Eine Woche später sprachen sich auch die kanadischen und polnischen Bischöfe in gleicher Art und Weise aus. Der Grund für diesen bischöflichen Rat war die Tatsache, dass sowohl in der Entwicklung, als auch in der Produktion des Impfstoffs von Johnson & Johnson Zellen zum Einsatz kamen, welche aus dem Gewebe eines Kindes stammen, dem das Recht auf dieses Leben vor der Geburt abgesprochen wurde, das also abgetrieben worden war. Im konkreten Fall waren es Zellen aus der Netzhaut der Augen des abgetriebenen Kindes, die für die Zellkulturen verwendet worden waren, mit deren Hilfe dieser Impfstoff hergestellt wurde. Das Erzbistum New Orleans ging sogar soweit, den Impfstoff von Johnson & Johnson als „moralisch kompromittiert“ zu bezeichnen.
Für uns stellt sich aber nun die Frage: Wie sollen wir, die Katholiken Österreichs, den obersten Hirten dieses Landes verstehen, der meint, die Impfung im Stephansdom wäre „eine gute Sache“? Wie kann die Verabreichung genau dieses Impfstoffes, noch dazu im Stephansdom, noch dazu während der hl. Messe, eine gute Sache sein, wo doch die amerikanischen Bischöfe ihre Gläubigen auffordern, wegen moralisch-ethischer Bedenken auf diesen Impfstoff ganz zu verzichten?
Die nächste Frage stellt sich zu den Aussagen des Dompfarrers, der meint, dass der Stephansdom „allen Menschen der Stadt Wien gehöre“ und er solle u. a. der „körperlichen Gesundheit dienen“. Wenn dem so wäre, was spräche dann gegen z. B. die Eröffnung eines Fitnessstudios im Dom oder einer Kletterhalle?
Dem ist aber nicht so, denn das Kirchenrecht definiert in klaren Worten, was eine Kirche ist und wozu sie verwendet werden darf! Eine Kirche gehört seit dem Tag ihrer Weihe nicht mehr den Menschen, sondern wird durch die Weihe zum Eigentum Gottes, zum „Zelt Gottes unter den Menschen“. Durch die Anwesenheit unseres Herrn Jesus Christus im Tabernakel ist eine Kirche der heiligste Ort auf Erden, auf dem alles zu unterlassen ist, „was nicht der Ausübung und Förderung von Gottesdienst, Frömmigkeit und Gottesverehrung dient“ (Canon 1210 des Kirchenrechts). Darüber hinaus haben wir auch eine verbindliche Anweisung unseres Herrn Jesus Christus selbst: als Er die Händler und Wechsler aus dem Tempel in Jerusalem warf, rief Er ihnen zu: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein!“ Der Stephansdom, erbaut zur alleinigen Ehre Gottes, mit seiner jahrhundertelangen, wechselvollen Geschichte zum spirituellen Herz dieses Landes geworden, wird mit dieser, ihm zugefügten Profanierung auf eine Ebene gestellt mit den großen Einkaufstempeln dieser Stadt oder mit manchen Vergnügungsorten, wo ebenfalls Impfstraßen eingerichtet wurden.
Darf man so über das Eigentum Gottes verfügen? Über eine Kirche, in die unsere Vorfahren alle ihre Talente, ihr Können, ihre Kraft und ihren Glauben legten, damit er als prächtiger und steinerner Zeuge durch alle Jahrhunderte das Lob und die Ehre Gottes verkünde und die Menschen zu Gott führen solle? Darf man einen Dom einer solchen Profanierung preisgeben, die sich überdeutlich in den Pressemeldungen wiederspiegelt, wo wir u. a. lesen können: „Das Vakzin sei mit dir“, „Die Nadel zur Hostie“,“ Ein Stich unter dem Kruzifix“, „Himmlisch: Impfen im Stephansdom“, „Ab Donnerstag gibt’s Messen mit Jaukerl“ „Unsere tägliche Impfung gib uns heute“, „Beten und Impfen“, „Jaukerl mit Segen“, „Impfen mit göttlichem Beistand“ usw. War es nicht abzusehen, dass mit einem solchen Schritt derartige blasphemische Schlagzeilen förmlich herausgefordert werden?
Der Ausspruch des Dompfarrers, der die Menschen, die an unseren Herrn Jesus Christus glauben, als „Klientel“ bezeichnet, rundet dieses Bild noch ab. Wir sind keine Kunden der Kirche, wir sind Glieder am mystischen Leib Jesu Christi, dieser Leib wird hier auf Erden durch die Kirche repräsentiert, und Jesus Christus ist das Haupt dieses mystischen Leibes. So hat es der Apostel Paulus für alle Zeiten definiert und so hat es die Kirche seit zwei Jahrtausenden gelehrt, das ist katholisches Glaubensgut!
Und auch an den Herrn Gesundheitsstadtrat sei eine Frage gestellt: Wenn es denn ein „stark frequentierter Ort“ sein muss, warum stellt man nicht einen Impfcontainer auf den Stephansplatz, der weitläufig und doch bei weitem mehr frequentiert ist als der Innenraum des Domes? Sicher wären noch viel mehr Vorbeigehende darauf aufmerksam geworden! Warum muss also ausgerechnet im Stephansdom geimpft werden? Wir leben nicht in Kriegszeiten, wo man aus der Not heraus Kirchen kurzfristig in Lazarette verwandeln musste, weil es kein intaktes Haus mehr gab!
Fragen über Fragen, die unbeantwortet bleiben und die alle in der einen münden: Was wollen die politischen und kirchlichen Entscheidungsträger mit einer Impfstraße im Stephansdom erreichen? Wie weit wollen wir noch gehen auf der Einbahnstraße, auf der wir unterwegs sind, auf der den Menschen unserer Gesellschaft die Erlösung durch ewige Gesundheit vorgegaukelt wird, und das nicht erst seit dieser Impfung, während man sie schon längst dem spirituellen Hungertod preisgegeben hat?
Hier läuft etwas grundfalsch und es ist unsere Aufgabe, als gläubige Katholiken dagegen Einspruch zu erheben! Der im Jahr 1979 verstorbene Erzbischof von New York, Fulton Sheen, richtete sich an die Gläubigen mit folgenden Worten: „Es ist eure Mission, darauf zu schauen, dass sich eure Priester wie Priester verhalten und eure Bischöfe wie Bischöfe!“ Und auch Papst Bonifatius VIII. sei hier mit seinem ewig gültigen Satz zitiert: „Qui tacet consentire videtur – Wer schweigt, scheint zuzustimmen!“ Wir stimmen nicht zu, also dürfen wir nicht schweigen! Schreiben Sie dem Herrn Kardinal und bitten Sie ihn darum, die Impfstraße im Stephansdom zu schließen!